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Liebe als agiler Wert ‒ Interview mit Vera Linzbach

Das Beste fürs Team

Liebe als agiler Wert ‒ Interview mit Vera Linzbach


SEITENBAU: Hallo Vera. Vor ein paar Tagen hast du auf dem Scrum Day 2020 den Vortrag „Warum Liebe ein agiler Wert ist – und wie man ihn im Team gezielt fördert (ohne für völlig durchgeknallt erklärt zu werden).“ gehalten. Ein mutiges Thema! Warum genau das?

Vera: Es beschreibt einfach sehr gut, was die Essenz meiner Arbeit ausmacht. Als Scrum Master und agile Coach möchte ich, dass meine Teams das Beste aus sich machen, ihr volles Potential entfalten. Zum Wohle des Unternehmens, aber natürlich auch zum Wohle der persönlichen Entwicklung der Teammitglieder.

Ich denke, beides geht da Hand in Hand. Meine Aufgabe ist es herauszufinden, was das Team braucht, um zu wachsen. Und dabei bin ich in meiner Arbeit immer wieder auf dieselben Dinge gestoßen: Wertschätzung, Verbundenheit und Empathie. Mit anderen Worten: Liebe.

Jeder würde zustimmen, dass eine Paarbeziehung ohne Liebe nicht funktioniert. Eine Familie ohne Liebe? Eine Freundschaft ohne platonische Liebe? Auch hier würden die meisten sagen, dass es ohne Liebe nicht geht. Warum ist es also so abwegig, dass Menschen, die jeden Tag stundenlang zusammenarbeiten, auch Liebe als Grundlage für ihre Beziehungen brauchen?

SEITENBAU: Wie hast du dich dem Thema angenähert?

Vera: Ich wollte sichtbar machen und anderen zeigen, wie ich als Scrum Master und agiler Coach arbeite und was der Kern meiner Arbeit ist. Ich halte gerne Vorträge - auch, weil das für mich eine Gelegenheit bietet, meine eigene Arbeit in Worte bzw. Folien zu fassen

Ich habe mir also meine Arbeit genauer angeschaut. Was macht meine Arbeit aus? Welche Praktiken setze ich ein und warum? Welche Haltungen und Werte liegen meiner Arbeit zugrunde? Die Erkenntnisse habe ich dann in ein eigenes Konzept gepackt und als Vortrag ausformuliert.

SEITENBAU: Für alle, die dich auf dem Scrum Day 2020 nicht gesehen habe: Was ist die Quintessenz deines Vortrags?

Vera: Liebe ist nicht alles, aber ohne Liebe ist alles nichts. Ein Team kann nicht offen, fokussiert, engagiert, mutig, respektvoll und kreativ zusammenarbeiten, wenn die Basis nicht stimmt. Und die Basis ist die Einstellung des Einzelnen „Ich bin ok und gehöre dazu“. Wenn diese Grundhaltung des einzelnen Teammitgliedes nicht da ist, werden die agilen Werte wie Offenheit, Commitment, Fokus, Mut und Respekt nicht im Team wirksam werden. Und vor allem wird das Team nicht kreativ neue Lösungen finden.

Mein Vortrag erläutert, warum das so ist und was man tun kann, um eine Umgebung zu gestalten, die es den Teammitgliedern ermöglicht, diese Grundhaltung zu entwickeln.

SEITENBAU: Wie war das Feedback?

Vera: Es gab total viel Feedback auf meinen Vortrag, was mich sehr gefreut hat. So z.B.:

„Veras Vortrag fand ich frisch und dynamisch und sie hat die impliziten Fragestellungen aus ihrem Titel auf unterhaltsame und anschauliche Weise beantwortet. Was hat mich am meisten beeindruckt? Sicherlich die Erkenntniss: "Wenn ich ungeduldig werde, dann klappt es definitiv nicht..." und "Grundlage ist, Emotionen benennen zu können."“

„Warum die Liebe* (*Wertschätzung, Verbundenheit, Empathie) als agiler Wert für den Spirit eines Teams so entscheidend ist, hat mir Vera in ihrem Vortrag eindrucksvoll gezeigt. Die dargestellten Zusammenhänge helfen mir sehr, um unsere Teams dorthin weiterentwickeln zu können.“

„Du hast Dich mit dem Thema sehr gründlich befasst und es sicherlich aus vielen Perspektiven betrachtet um auf den Schlüssel = Liebe zu kommen. Die Hinweise zu den Tools sind gut und hilfreich und bieten eine große Möglichkeit an Variation und Adaption für das einzelne Team. Das hat aus meiner Sicht ein rundes Bild ergeben“

Interessant fand ich auch, dass mein Vortrag eine hitzige Diskussion auf Twitter losgetreten hat. Leute, die meinen Vortrag gar nicht gehört hatten, sondern nur die Titelfolie als Bild gesehen hatten, diskutierten, ob nun Liebe ein agiler Wert ist und ob man Werte überhaupt „fördern“ kann. Ehrlich gesagt ist mir das genaue „Wording“ hier nicht so wichtig.

Was im Vortrag zum Ausdruck kommt, ist meine Überzeugung, dass ein Team – ob agil oder nicht - eine Umgebung braucht, in dem sich die einzelnen Personen verbunden, sicher und wertgeschätzt fühlen können. Ein agiles Team ist vielleicht noch stärker auf diese Umgebung angewiesen – da agile Teams in einem komplexen Setting arbeiten, in dem Kreativität und Innovation ein essentieller Bestandteil des täglichen Arbeitens sind.

Diese Umgebung entsteht aber nicht von alleine – hier muss ich als Scrum Master/ agile Coach aktiv tätig werden und gleichzeitig selbst mit einer gewissen Grundhaltung auf die Menschen zugehen. Ob ich Liebe nun als Gestaltungsprinzip für diese Umgebung bezeichne, als Eigenschaft der Umgebung oder als Wert, den ich als agiler Coach habe und den ich als Orientierung nutze, um zu schaffen, was das Team braucht, ist sehr davon abhängig, wie ich für mich selbst diese Begriffe definiere.

Trotzdem nehme ich aus dieser Erfahrung mit, wie wichtig es ist, sich bewusst zu machen, dass Formulierungen zu Missverständnissen führen können.

SEITENBAU: Was war dein persönliches Highlight auf dem Scrum Day 2020?

Vera: Besonders schön fand ich es, dass der Scrum Day trotz Corona vor Ort in Stuttgart stattfinden konnte. Natürlich mit strengen Hygienemaßnahmen – aber es hat trotz dieser Maßnahmen sehr gut geklappt, und es war möglich, mit den Leuten persönlich ins Gespräch zu kommen. Ich habe wieder viele interessante KollegInnen aus dem agilen Bereich kennen gelernt und bin mit vielen neuen Inspirationen nach Hause gefahren.

SEITENBAU: Ist das Thema nun für dich abgeschlossen, oder planst du, hier noch weiterzumachen?

Vera: Nachdem das Thema für mich einen wichtigen Teil meiner Arbeit beschreibt, werde ich sicher daran weiterarbeiten. Einfach, weil sich meine Arbeit weiterentwickelt und damit ja auch mein persönliches Konzept. Ich finde es spannend, mich mit anderen auszutauschen und zu sehen, welche neuen Ideen daraus entstehen. Was das konkret bedeutet, wird sich aber erst noch zeigen. Ich bin gespannt.


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